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Zwangsarbeit in Rheinhessen während des Zweiten Weltkriegs.

Vortrag von Dr. Hedwig Brüchert am 6. Dezember 2004 im Museum der Stadt Alzey.

Auf Einladung des Alzeyer Alterumsvereins berichtete Frau Dr. Hedwig Brüchert im Rahmen der „Alzeyer Museumsabende“ über den Einsatz von ausländischen Zwangsarbeitskräften und ihren Lebensbedingungen im Zweiten Weltkrieg in Rheinhessen, vor allem im ländlichen Raum.

Walentina S., geb. am 21. Oktober 1929 in Weißrussland, wurde als 13-Jährige nach Deutschland gebracht und musste bis Kriegsende auf dem Niederreidenbacher Hof für die Diakonie Bad Kreuznach arbeiten (Foto: Archiv Stiftung kreuznacher diakonie).

Die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Zwangsarbeiter gestalteten sich je nach ihrer Herkunft sehr unterschiedlich und müssen deshalb differenziert betrachtet werden. Die Referentin griff deshalb zwei der größten Nationalitätengruppen heraus, nämlich die Zivilarbeitskräfte aus der Sowjetunion und aus Polen, um auf ihr Schicksal näher einzugehen. Einen weiteren Schwerpunkt bildete zum Schluss des Vortrags die besondere Problematik der osteuropäischen Frauen und ihrer Kinder in Deutschland, ein lange verdrängtes und weitgehend unbekanntes Kapitel der Geschichte.

Insgesamt wurden zum 30. September 1944 im Gebiet des heutigen Landes Rheinland-Pfalz 119.680 ausländische Arbeitskräfte gezählt (79.059 Männer und 40.621 Frauen), davon stammten 52.538 aus der Sowjetunion, sie wurden als „Ostarbeiter“ bezeichnet.

Als erste Gruppe wurden ab Herbst 1939 Polen ins Deutsche Reich gebracht, darunter zahlreiche junge Mädchen und Frauen. Sie wurden überwiegend den Bauern als Landarbeiter zugeteilt, um die Ernte einzubringen. Da der NS-Führung der „allzu freundliche Umgang“ der deutschen Landbevölkerung mit den Polen und Polinnen missfiel, erließ das Regime im Herbst 1940 die sog. „Polenerlasse“, ein Sonderrecht für Polen, das sie zu Menschen zweiter Klasse machte, ihren Arbeitsalltag sowie ihre Freizeit auf das Genaueste regelte und zahlreiche Verbote und diskriminierende Vorschriften enthielt. So mussten die polnischen Arbeitskräfte ein Kennzeichen „P“ auf der Kleidung tragen. Für Verstöße gegen die „Polen-Erlasse“ drohten schwere Strafen. Für Liebesbeziehungen zwischen polnischen Männern und deutschen Frauen drohte dem Polen die Todesstrafe. Auch in Rheinhessen wurden polnische Arbeiter deshalb widerrechtlich hingerichtet; die betroffenen deutschen Frauen wurden meist in das Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück eingewiesen. Meist wurde die Verhaftung durch eine Denunziation ausgelöst.

Im Winter 1941/42 wurden dann auch die ersten sowjetischen Männer und Frauen ins Reich gebracht; viele Hunderttausende, darunter zahlreiche Kinder und alte Leute sollten folgen. Oft wurden sie gewaltsam aus ihrer Heimat verschleppt. Sie waren in den Augen der NS-Führung zur Aufrechterhaltung der deutschen Wirtschaft im Krieg unverzichtbar; gleichzeitig fürchtete man eine „Überfremdung“ und rassische Vermischung und stellte deshalb auch diese Arbeitskräfte unter ein Sonderrecht, die „Ostarbeiter-Erlasse“. Die „Ostarbeiterinnen und „Ostarbeiter“ mussten die härteste Arbeit verrichten, dabei jedoch oft Hunger leiden, da ihnen die geringsten Lebensmittelrationen zustanden.

In Rheinhessen arbeiteten viele der „Ostarbeiter“ und „Ostarbeiterinnen“ in landwirtschaftlichen Betrieben. Je nach Einstellung des Bauern wurden sie hier oft menschlich behandelt und durften (entgegen den Vorschriften) mit der Familie am Tisch essen; in manchen Fällen wurden sie jedoch wie Arbeitssklaven behandelt.

Schlechter war die Versorgung meist für die „Ostarbeiter“ in Fabriklagern, wo sie bei schwerer Arbeit meist unzureichend ernährt wurden und in primitiven Baracken ohne ausreichende hygienische Einrichtungen leben mussten. Diese Lager waren vor allem in den stärker industrialisierten Städten Rheinhessens an der Rheinschiene zu finden, so in Worms, Mainz, Ingelheim und Bingen. Aus dem Kreis Alzey sind nur zwei Ostarbeiter-Lager der Deutschen Reichsbahn bekannt, und zwar bei der Bahnmeisterei Gau-Odernheim und bei der Bahnmeisterei Alzey (Kriegsgefangenen- und Straflager sind hier allerdings nicht mitgerechnet; darauf müsste in einem gesonderten Vortrag eingegangen werden).

Besonders schwierig waren die Lebensumstände für Osteuropäerinnen, die während des Krieges in Deutschland schwanger wurden und Kinder gebaren. „Ostkinder“ waren aufgrund der Rassenideologie des NS-Regimes „unerwünscht“, deshalb sollten die Schwangerschaften möglichst abgebrochen werden. Ein als NS-„Rassegutacher“ tätiger Arzt, SS-Oberscharführer und Eignungs-Prüfer Dr. Reinhold Ratzeburg (er war dem Höheren SS- und Polizeiführer Rhein-Westmark in Wiesbaden zugeordnet) hatte im Gau Hessen-Nassau darüber zu entscheiden. Dennoch wurden zahlreiche Kinder von polnischen und sowjetischen Müttern hier geboren. Die schwangeren osteuropäischen Frauen in Rheinhessen hatten oft das Glück, dass sie nicht in eines der offiziellen „Entbindungs- und Säuglingsheime“, wie Pfaffenwald bei Hersfeld in Hessen, überwiesen wurden, wo man die meisten Neugeborenen sterben ließ. In unserer Region wurden viele der Frauen nach Alzey zur Entbindung geschickt, wo man in der Landes-Heil- und Pflege-Anstalt (nach der „Verlegung“ der ursprünglichen Psychiatriepatienten, die später fast alle – meist in Hadamar – ermordet wurden) ein „Allgemeinkrankenhaus für Fremdarbeiter“ sowie eine „Entbindungsanstalt für Ostarbeiterinnen“ eingerichtet hatte. Hier wurden zwischen April 1943 und März 1945 rund 360 Kinder geboren; nach der Entbindung kehrten die Mütter mit ihren Säuglingen in der Regel an ihre Arbeitsorte in Rheinhessen (zum Teil waren sie auch aus der Pfalz, dem Darmstädter und dem oberhessischen Raum gekommen) zurück. Nur 9 Kinder und 5 Mütter starben hier in der Alzeyer „Ostarbeiterinnen-Entbindungsanstalt“.

Die meisten der osteuropäischen Arbeitskräfte kehrten bald nach Kriegsende in ihre Heimatländer zurück; zum großen Teil wurden sie aufgrund von Absprachen zwischen den Westalliierten und Stalin zwangsrepatriiert und hatten erneut zu leiden.

An den Vortrag schloss sich eine lebhafte Aussprache an; viele der Vortragsgäste aus Alzey und Umgebung hatten eigene Erinnerungen an die Kriegszeit beizusteuern. Auch die Schwierigkeiten bei der Suche nach Unterlagen, die als Nachweis über die Arbeit in Deutschland bei Stellung eines Antrags auf eine Entschädigungszahlung aus dem Fonds der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ notwendig sind, wurde eingehend erörtert. Frau Dr. Heller-Karneth vom Museum Alzey schlug aufgrund des großen Interesses vor, einen Gesprächskreis zur Zeit des Nationalsozialismus in Alzey ins Leben zu rufen.